Kunstgeschichte

„Seien Sie stets optimistisch, mit diesem tollen Studienfach kann man mit Freude sein Brot verdienen.“

Im Gespräch mit Annette Ludwig

 

 

Frage: Wie sind Sie zu Ihrem Fach gekommen und dann zu einer Laufbahn bis zur Direktorin?

 

Antwort Ludwig: Meine Tante hat mich als Kind immer in Museen mitgenommen und hat auch durch ihr Wissen mein Interesse an der Kunst geweckt. So wollte ich Kunstgeschichte studieren, koste es was es wolle! Ich habe mir nicht ausgemalt, an einer bestimmten Stelle zu stehen. Ich habe nie studiert mit der Intention, Museumsdirektorin zu werden. Der Weg war das Ziel. Schon während der Studienzeit habe ich neben der Arbeit im elterlichen Betrieb, in den ich einstieg, weil mein Vater starb, an Projekten mitgearbeitet und Texte geschrieben. Daher habe ich auch viel länger studiert. Eine Zeitlang habe ich deswegen gehadert, ich habe im Nachhinein aber gemerkt, dass ich durch diesen unternehmerischen Umweg viel gelernt habe, was mir später zugutekam: Management, Organisation allgemein, Durchsetzungsvermögen, Mittelakquise. Wenn man fleißig ist und man an seinem Studienfach festhält, fügt sich eins zum anderen und daher predige ich immer Optimismus. Weil ich mich in verschiedenen Communities in der Museumswelt bewegt und an mehreren Stellen als Praktikantin oder freie Mitarbeiterin gearbeitet habe, hatte ich bald auch eine feste Stelle erhalten.

 

Frage: Wie haben Sie den Aufstieg von einer Kuratorin zur Museumsdirektorin empfunden?

 

Antwort Ludwig: Dies ein folgerichtiger Weg. In der Museumslaufbahn wäre es klassisch, zunächst ein Volontariat zu absolvieren. Ich habe dies nicht mehr gemacht, weil ich bis dahin schon sehr viel Praxiserfahrung hatte. Ich bin dann direkt als wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestiegen. Dann war der nächste Aufstieg der der Kuratorin, was bedeutet, dass man sich um ein Sammlungsgebiet kümmert. Wenn Sie eine Führungsposition anstreben, dann ist es geboten, dass Sie sich als DirektorIn bewerben. Ich kenne aber auch viele KollegInnen, die dies nicht anstreben, die sich in der zweiten Reihe wohl fühlen. Mit einer Führungsposition kommt auch viel mehr Verantwortung, z.B. für Personal und Budget. Und viel Arbeit: Jeden Tag erhalte ich an die 60-80 E-Mails, die meine Reaktion erfordern, d.h. bei dieser Arbeit muss man extrem entscheidungsfreudig sein – und das bin ich. Ich kann in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen und dann auch dazu stehen. In einem kommunalen Haus oder einer Landes-Institution muss man die Grundzüge einer öffentlichen Verwaltung kennen. Darüber hinaus übernehmen Sie auch repräsentative Aufgaben, wie an verschiedenen Veranstaltungen teilzunehmen bzw. aufzutreten oder Führungen durchzuführen. So haben Sie auch eine umfangreichere Arbeitszeit als alle anderen – und das muss man wollen.

 

„Ich würde genau dasselbe noch einmal machen. Das ist eine schöne innere Freiheit“

 

Frage: Wenn ich da nochmals nachhaken darf: Waren Sie zuversichtlich, dass Sie den Positionswechsel, den Sprung in die Führungsebene, schaffen, angesichts dessen, dass Sie ja auch ganz neue Aufgabenbereiche erwarteten? Oder gab es auch Momente der Angst oder des Selbstzweifels, die Aufgaben vielleicht nicht erfüllen zu können?

 

Antwort Ludwig: Die Aufgaben sind eigentlich nicht komplett anders, aber Sie tragen die Verantwortung. Wenn man neu beginnt, nimmt man eine Frische mit und weiß auch um viele Fallstricke noch nicht. Man freut sich, dass man neue Leute und ein neues Umfeld kennenlernt. Die Mobilität wird in unserem Fach ja auch vorausgesetzt und bedingt eine Offenheit. Man kommt in eine neue Stadt, man kennt niemanden, und muss sich dann einbringen und neu beweisen. Diese Frische des Anfangs ist schön, da denkt man nicht nur daran, welche Gefahren lauern und macht daher auch vieles mit einer großen Leichtigkeit. Ich versuche einfach, möglichst locker und authentisch zu sein. Oft kommt einem erst im Rückblick zu Bewusstsein: „Das war ja gar nicht so ohne!“

 

„Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht – dadurch kann man sehr viel schultern.“

 

Frage: Was fällt außerdem noch in Ihr Aufgabengebiet?

 

Antwort Ludwig: Das Schönste für mich ist, Sie sind für die strategische und inhaltliche Ausrichtung eines Museums zuständig. Sie können Schwerpunkte setzen oder neu ins Team einbringen. Zudem können Sie auch Ausstellungen selbständig entwickeln. In unserem Spezialmuseum – wir sind eines der ältesten Druckmuseen der Welt mit einem sehr außergewöhnlichen Profil, einer großen thematischen Bandbreite und vielen nationalen und internationalen Partnern – bin ich nicht nur leitend, sondern auch kuratorisch tätig und zuständig für das 19.-21. Jahrhundert. Beispielsweise habe ich den Schwerpunkt Typographie – die Anwendung von Schrift im zeitgenössischen gestalterischen Kontext – etabliert, was sich im Nachhinein als Erfolg herausstellte, weil wir neue Zielgruppen ansprechen und gewinnen konnten. Wenn Sie Führungsverantwortung tragen, können Sie viele Dinge in die Wege leiten und das macht Spaß! Seit etlichen Jahren sind wir mit dem Dezernat für Bauen, Denkmalpflege und Kultur auch für die bauliche Neuausrichtung des Gutenberg-Museums tätig. In viele Aufgabengebiete wachsen Sie mit der Zeit außerdem auch hinein.

 

Frage: Meine Frage bezieht sich auf den Gestaltungsfreiraum, den Sie als Museumsdirektorin haben: Wir konnten von einer Umbauphase, einer Neustrukturierung und einem innovativen Szenographiekonzept lesen … sind Sie da immer vorne mit dabei? Entscheiden andere mit? Sie sind im Herzen der Stadt – die BürgerInnen haben durchaus ein Interesse, dieses repräsentative Haus auch mitzugestalten. Wie verhält sich diese Dynamik verschiedener Interessensgruppen zu Ihrem eigenen Gestaltungswillen und -freiraum?

 

Antwort Ludwig: Man arbeitet nie allein, sondern mit dem Team, und ist politisch eingebunden, aber auch mit Stiftungen und Freundeskreisen verbunden. Es ist also nicht so, dass man im luftleeren Raum agieren kann – es sei denn, man führt sein eigenes Privatmuseum. Andernfalls gibt es immer Menschen, die Ihnen vorgesetzt sind bzw. Entscheidungen mit beeinflussen oder treffen. Es gibt in jedem Museum glücklicherweise auch Fördervereine – wir haben gleich drei Freundeskreise. Es ist manchmal nicht leicht, widerstreitende Interessen zu vereinen. Ich habe das Glück, dass ich mit meiner Kulturdezernentin und mit dem Oberbürgermeister der Stadt als Träger des Museums, sehr gut zusammenarbeite. Wir haben über die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufbauen können, sodass ich freie Hand habe, was beispielsweise die Programmatik anbelangt. Ich muss auch niemanden fragen: „Kann ich eine Bauhaus-Ausstellung machen oder nicht?“ Das kann auch anders sein.

Auch den angesprochenen Neubauprozess habe ich angestoßen, das Atelier Brückner für ein Szenografiekonzept an Bord geholt und Konzepte zur Partizipation mit den BürgerInnen ausgearbeitet und organisiert. Mit einer neuen Leitung muss ja auch ein neuer Wind einhergehen. Wenn Sie sich also auf eine Führungsposition bewerben, ist es unabdingbar, dass Sie ein Konzept entwickeln. Bestimmte Jobs bekommen Sie nicht, ohne dass Sie nicht auch ein inhaltlich strategisches Konzept mitliefern.

 

„Sie haben die Möglichkeit, in verschiedenen Museen zu arbeiten. Nutzen Sie diese Chance. Schauen Sie hinter die Kulissen – dort sieht nämlich vieles anders aus, als wenn Sie als BesucherIn da sind.“

 

Frage: Mit rund 160.000 BesucherInnen ist Ihr Gutenberg-Museum eines der meistbesuchten Museen in Deutschland. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis? Wie sollte eine gelungene Konzeption eines Museums aussehen, um ein Publikumsmagnet zu werden?

 

Antwort Ludwig: Wie schon gesagt, sind wir ein Museum mit Alleinstellungsmerkmal und hoher internationaler Reputation. Die Wiege des europäischen Buchdrucks ist nun mal in Mainz, und die Inhalte - von der Handschriften-Zeit bis zur grafischen Sammlung, die Schnittstelle zum Design, die Werkstätten u.v.m. sind Anziehungspunkte für Gäste aus aller Welt. Wir sind auch eine kulturtouristische Destination. Von den BesucherInnenzahlen ausgehend spielen wir in Deutschland vorne mit. Bei der Betrachtung der Zahlen muss man aber auch die Träger, Lage und Ausrichtung der Museen berücksichtigen: ob es ein Haus in der Provinz mit einem engen Fokus ist, eines das vornehmlich SpezialistInnen anspricht oder ob es sich um ein Haus handelt, das viele Blockbuster-Ausstellungen auf die Beine stellt. Da muss man differenzieren, um der Arbeit gerecht zu werden.

Ich glaube nicht, dass wir so viel bessere Arbeit leisten als andere, profitieren aber von der Varianz, denn wir vereinigen zahlreiche Museumsgattungen in einem Haus. Aber selbst wenn man einen Startvorteil hat, ist ein attraktives Programm für breite Zielgruppen unabdingbar. Ein Haus, welches durch die Stadtgesellschaft nicht akzeptiert wird, hat geringe Zukunftschancen. Wichtig ist zudem, dass man Fördergelder und Spenden generieren muss.

Und dennoch: Unsere Dauerausstellung ist überarbeitungsbedürftig und deshalb kämpfe ich nun seit genau zehn Jahren (seit ich 2010 begonnen habe) um eine bauliche und vor allem auch inhaltliche Optimierung des Museums. Für Sie als Kennziffer: Jedes Museum sollte spätestens alle acht bis zehn Jahre seine Dauerausstellung erneuern. Das Publikum verändert seine Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten, und wenn man als Museum  Schritt halten will, muss man sich erneuern. Dazu muss der Träger natürlich Geld bereitstellen und das ist immer eine große Herausforderung.

 

Frage: Sie haben als Direktorin viel Erfahrung mit Personalgewinnung und -entwicklung gesammelt und waren auch in rund 60 Kommissionen bei Einstellungsverfahren beteiligt. Am Ende unseres Studiums ist das Thema Vorstellungsgespräch ein ganz zentrales. Auf was sollten wir während des Bewerbungsverfahrens achten?

 

Antwort Ludwig: Zunächst muss die Bewerbung ordentlich aussehen. Viele Rechtschreibfehler im Anschreiben sind ein Malus. Ich plädiere nicht dafür, dass Sie umfangreiche Mappenwerke verfassen, oder alles aufhübschen und layouten lassen. Es ist immer gut, wenn ein gewisser Grad an Authentizität und ganz wichtig: Ehrlichkeit erkennbar ist. Ich halte nichts davon, den Lebenslauf künstlich aufzuplustern – da wird jeder längere Urlaub zu einem „Auslandsaufenthalt“, oder jeder Auslandsaufenthalt zu einem „Forschungssemester“. Weisen Sie im persönlichen Gespräch auf Ihre Stärken hin und fokussieren Sie sich auf diese. Gestehen Sie Schwächen ein und stellen Sie sich ganz offen neuen Aufgaben. Schauen Sie schon vor der Bewerbung, ob Ihnen die Stelle entgegenkommt: Sind Sie jemand, der eher sich forschen oder jemand, der an der vordersten Front vermitteln möchte. Viele haben falsche Vorstellungen und geraten in ein Feld, das nicht zu ihnen passt. Bevor man sich dann aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus jahre- oder jahrzehntelang nicht von seinem Posten bewegt, sollte man sich die Freiheit bewahren, doch Neues zu probieren, neu anzusetzen. Offenheit und Neugierde sind wichtig, Fleiß und Leistungsbereitschaft.

 

Frage: Wie wichtig ist es für uns StudentInnen an Publikationsprojekten teilzunehmen?

 

Antwort Ludwig: Es ist sehr wichtig, das wissenschaftliche Schreiben früh auszuprobieren, um in die Realität des Publizierens hineinzukommen. Dabei ist es ein Unterschied, ob es sich um eine Seminararbeit handelt, die im geschützten Raum verbleibt, oder um eine Arbeit, die tatsächlich veröffentlicht wird. Es ist eine wichtige Erfahrung, dass man seinen Text loslassen muss und nicht fortlaufend ergänzen oder verbessern kann. Sie müssen sich nach Vorgaben richten, auch im Umfang. Sie sind dann mit der Herausforderung konfrontiert, woher Sie Abbildungen bekommen, Bildrechte klären usw. So kommen Sie in diese Abläufe hinein. Durch die Publikationstätigkeit knüpft man Kontakte. Es ist später im Berufsleben eminent wichtig schnell zu sein. Es ist ein Unterschied, ob ich in einem akademischen Umfeld bin – wo ich Zeit habe, um reflektiert an einem Thema zu arbeiten – oder ob im Museumsbetrieb neben dem turbulenten Tagesgeschäft schreibe und mir die Zeit dafür abringen muss. Was ich vermisse, ist, stundenlang in der Bibliothek zu stöbern und einfach mal quer zu lesen und mich in ganz anderen Themen zu verlieren.

 

Frage: Welche Aussichten und Chancen haben wir mit einem Bachelorabschluss, welche mit dem Masterabschluss und welche, wenn wir promoviert haben?

 

Antwort Ludwig: Diese Frage kann ich ganz klar beantworten. Erfahrungsgemäß bringen Sie mit dem Bachelorabschluss zu wenig Kenntnisse und Erfahrungen mit. Sie sind mit diesem Abschluss eher auf einer untergeordneten Ebene tätig, die Sie mit zunehmender Berufslaufbahn auch nicht mehr zufriedenstellt, weil Sie das Gefühl haben, Sie könnten mehr, aber Sie haben den formalen Abschluss nicht. Außerdem sind die Aufstiegsmöglichkeiten geringer. In der Kunstgeschichte ist es wichtig, Themen zu vertiefen. Daher würde ich jedem, der kann, der die Zeit und die finanziellen Möglichkeiten hat, empfehlen, das Master-Studium fortzuführen. Es ist ja auch die Möglichkeit gegeben, dass man nach dem Bachelor-Abschluss eine Pause einlegt, sich erst einmal in der Praxis oder als WerkstudentIn versucht und das Studium dann fortsetzt.

Mit einem Masterabschluss stehen Ihnen viele Stellen offen, beispielsweise auch im kuratorischen Bereich. Für den Posten einer DirektorIn ist in der Regel eine Promotion erforderlich. Es kann aber auch nicht jede eine Promotion machen: Es ist einerseits oft auch eine finanzielle Frage und andererseits  braucht es Sitzfleisch dazu, das ist auch nicht allen gegeben. Das muss man ganz realistisch für sich einschätzen. Aber das Wichtigste ist die Begeisterung für das Fach und die (Studien-)Inhalte. Wenn sie gegeben ist, ist schon vieles erreicht.


Das Gespräch führten Studierende des Seminars "Oral Contemporaries" am 18. Mai 2020

  Vita

 

  • Dr. Annette Ludwig (geb. 1963) studierte Kunstgeschichte, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Baugeschichte an der Universität Karlsruhe (TH), wo sie mit der Magisterarbeit abschloss. Ihre Dissertation zum Thema „Die Architekten Brüder Heinz und Bodo Rasch. Ein Beitrag zur Architekturgeschichte der zwanziger Jahre“ publiziert im Jahr 2009 wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Heinrich-Hertz-Preis der Universität Karlsruhe (TH). Zwischen 2002 und 2010 war sie Kuratorin an den Städtischen Museen in Heilbronn. Seit 2008 ist sie Lehrbeauftragte am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaften des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Seit 2010 arbeitet sie als Direktorin im Gutenberg-Museum in Mainz. Dabei ist sie auch für die inhaltliche und bauliche Neuausrichtung des Museums zuständig und kuratiert preisgekrönte Sonderausstellungen. Frau Ludwig hält zahlreiche Vorträge zu Themen des 19.-21. Jahrhunderts, kooperiert international mit zahlreichen Institutionen, u.a. mit der Hochschule in Mainz, und engagiert sich in zahlreichen Gremien und Jurys.

 

 Berufsfeld: Museumsleitung

 

  • Konzeption der inhaltlichen, budgetären und strategischen Ausrichtung des Hauses (z.B. das Leitbild, Themen für Projekte und Ausstellungen)
  • Repräsentation des Hauses in der Öffentlichkeit
  • Personalführung, Einstellung, Betreuung und Förderung der MitarbeiterInnen
  • Finanzielle Gesamtverantwortung
  • Kontaktpflege (z.B. zu LeihgeberInnen, SponsorInnen und FördererInnen)
  • Sicherstellung der Einhaltung der ethischen Richtlinien für Museen (von ICOM)
  • Wissenschaftliche Publikationstätigkeit, kuratorische Verantwortung zum 19.-21. Jahrhundert