Kunstgeschichte

„Es ist sehr exklusiv, so einen Nachlass zu bekommen.“

Im Gespräch mit Anna Krüger

 

Frage: Was kann man sich unter dem Arbeitsbereich Nachlassbearbeitung vorstellen? Was für Kenntnisse und Fähigkeiten sollte man mitbringen und was machen NachlassbearbeiterInnen denn genau?

 

Antwort Krüger: Ganz allgemeines Ziel der Nachlassarbeit ist die fachgerechte Erfassung, Sicherung und Aufbewahrung von Werkkomplexen bildender Kunst und den dazugehörigen Materialien. Ich habe zuletzt den Nachlass der Architektin Dr. Myra Warhaftig bearbeitet und ihn hinsichtlich frauenemanzipatorischer Belange in der Architektur der 1980er-Jahre untersucht. Nachlassbearbeitung bedeutet hier also auch wissenschaftliche Erschließung und Erforschung. Mitbringen sollten Sie Ausdauer und strukturiertes Vorgehen. Erhalten Sie Gebinde, deren Inhalte völlig unbekannt sind, müssen Sie mögliche Zusammenhänge selbst herstellen. Das sollten Sie von Anfang an strukturiert angehen. Die Nachlassarbeit ist eigentlich ein besonderer Ausbildungsbereich, der z. B. an der Archivschule Marburg gelehrt wird. Es gibt natürlich sehr viele verschiedene Archive, zum Beispiel das Bundesarchiv oder kommunale Archive, da ist man sicherlich mit anderen Fragen konfrontiert, als bei Nachlässen von KünstlerInnen.

 

„Wenn ich an Ihrer Stelle einen Nachlass bearbeiten wollte, würde ich würde mich auf die Fährte von Herrn Pfennig begeben.“

 

Frage: Wie sieht die Ausbildung in Marburg aus und was kann man sich darunter vorstellen?

 

Antwort Krüger: In Marburg lernt man etwas über das eigene Fach hinaus. Wenn man zum Beispiel für das Bundesarchiv arbeiten möchte, muss man sich in der Verwaltungsstruktur auskennen und sich in der allgemeinen Neueren Deutschen Geschichte sehr gut zurechtfinden. Kenntnisse in den unterschiedlichen Epochen sind erwünscht. Das hat alles erst einmal nicht viel mit Kunstgeschichte zu tun, sondern viel mehr mit dem Verwaltungsapparat, den man verstehen muss.

 

Frage: Sie haben gesagt, dass es bei dieser Arbeit Struktur braucht, also ein strukturiertes Vorgehen. Dafür könnte man bestimmt Kulturtechniken entwickeln, die einem helfen wie man vorgehen sollte. Welche Kulturtechniken haben Sie denn entwickelt?

 

Antwort Krüger: Es gibt Kulturtechniken, die erprobt und anerkannt sind. Danach lassen sich Bestände verschriftlichen und in einer Datenbank abbilden. Es gibt Leitfäden für die Objektinventarisierung, diese wurden z. B. vom Comité international pour la documentation (CIDOC) bereitgestellt. Mit dem International Standard Archival Description ISAD-G gibt es ähnliches für Aufbau und Verzeichnung. Auch der Museumsbund bietet Hilfestellungen. Die Orientierung daran kann ich sehr empfehlen. Außerdem stellt die DFG Richtlinien für die digitale Langzeitarchivierung bereit.

An manchen Stellen muss man das Rad allerdings doch neu erfinden und eine individuelle Kulturtechnik anwenden. Für mich hat sich die Arbeit mit verschiedenen Nummernkreisen bewährt. Neben den üblichen Inventarnummern oder Werkverzeichnisnummern habe ich mir angewöhnt, eine Nummern- und Buchstabenkombination zu verwenden, die auch Aussagen über Standorte und Materialien transportiert. Myra Warhaftig hatte mit einem Nummernsystem ihre Vortragsmanuskripte und Dias organisiert. Auch die Verwendung unterschiedlicher Farben zum Beispiel bei handschriftlich geführten Karteikarten ist eine gängige Methode, sich zu orientieren.

 

Frage: Sie haben gesagt, dass es wichtig ist einen Sinnzusammenhang zu erstellen. Was kann man sich denn darunter genau vorstellen? Welches Aussehen hat das Produkt, der diesen Sinnzusammenhang transportiert?

 

Antwort Krüger: Ich würde die Frage gerne anhand eines Beispiels meinen Erfahrungen bei der Arbeit an einem Werkverzeichnis für Gemälde beantworten. Damals hatte ich circa 20 Kartons mit Fotoabzügen erhalten, die alle bearbeitet werden mussten. In der Verzeichnung können diese Papierabzüge dann in Kategorien wie zum Beispiel „Reiseerinnerungen“ oder dergleichen gegliedert werden. Dann können sie formal noch tiefer topographisch oder chronologisch verzeichnet werden. Hinzu kommt die angemessene Verwahrung an einem Standort, der sich hinsichtlich des Klimas und Lichts, des Format oder auch des Geldwerts eignet. Ein Sinnzusammenhang nach dem zu fragen wäre, wäre zum Beispiel der Bezug von Fotografie und Urheber, dem Kontext und anderen Archivalien. Hintergrund dieser Notwendigkeit ist die Bewertung des Archivguts, der man bei der Nachlassarbeit ausgesetzt ist und die sich im Laufe der Zeit ändern kann.

 

Wenn man in die künstlerische Praxis blickt, so gibt es auch noch die Wechselwirkung von Fotografie und Malerei. Dabei kann es sich auch um einen diachronen Prozess handeln bei dem die Kenntnis des einen das Verständnis des anderen voraussetzt. Das kann dann manchmal viele Jahre dauern.

 

"Nutzen Sie gerne Förderungsmöglichkeiten"

 

Frage: Sie sind akademische Mitarbeiterin und haben Studierende, die Sie unterstützen. Müssen Sie bestimmte Abläufe im Arbeitsalltag delegieren und Aufgaben abgeben? Und was genau ist in Ihrer Verantwortung bzw. was sind Ihre Arbeitsbereiche im Alltag?

 

Antwort Krüger: Meine Aufgabe ist es auch, die Digitalisierung des Nachlasses von der Architektin Myra Warhaftig zu koordinieren und für die Forschung zugänglich zu machen. Dabei leite ich drei studentische Hilfskräfte beim Digitalisieren von Archivalien an. Ich organisiere die Konvolute und Verzeichnung der Digitalisate und bewerte, was gescannt wird und was nicht. In einigen Fragen beispielsweise hinsichtlich der Qualität und Speicherung der Ditigalisate stützen uns auf die Richtlinien der DFG. Mit der Ausstattung der Fotowerkstatt am IKB haben wir dafür die technischen Möglichkeiten. Bei Zeichnungen, die größer als DIN A4 sind müssen wir Aufgaben an die Fotografen abgeben, da die Scanner diese Formate nicht bewältigen.

Danach überführe ich die Digitalisate ins Findbuch (Hilfsmittel, das die Archivbestände durchsuchen helfen soll). Wir schaffen quasi ein zweites Original, das natürlich auch aufzufinden und verwaltet werden muss. Für das Dokumentenmanagement gibt es gute Ideen, auch für einen optimalen Workflow zwischen Scanner und Ablage wie er in Bibliotheken und Sammlungen zum Einsatz kommt. Für das Werk von Warhaftig hatte es allerdings schon ein Findbuch gegeben, das den Nachlass auf bestimmte Weise gliedert.

 

Frage: Als KunsthistorikerInnen gehören wir zur schreibenden Zunft. Ihrer Beschreibung nach hört sich alles sehr handwerklich und systematisch an, betont das Genaue. Gibt es im Bereich der Archivarbeit bzw. in der Nachlassverwaltung ein Arbeitsfeld, wo man kreativ ein Produkt schaffen kann?

 

Antwort Krüger: ArchivarInnen stehen ein wenig im Ruf, überall nur in der „Danksagung“ (und nicht als AutorInnen) aufzutauchen. Es steckt unglaublich viel Wissen im Kopf, das man auch dokumentieren und weitergeben muss. Eine Möglichkeit besteht darin, dies zu verschriftlichen – dies wird in der Regel auch getan. Es sind dann keine interpretierenden Abhandlungen oder dergleichen, diese Publikationen sehen etwas anders aus. Kreative Lösungen sind auf jeden Fall gefragt. Zudem – aber das muss nicht automatisch so geschehen – mündete meine Tätigkeit zu Alexander Camaro in meine Dissertation, die Nachlassarbeit an Warhaftig in eine Monographie mit dem Schwerpunkt auf das emanzipatorische Wohnen.

 

Frage: Was genau passiert mit den Dokumenten, Büchern und allem was zum Nachlass gehört und wo bewahren Sie das alles auf?

 

Antwort Krüger: Typische Aufbewahrungsorte sind zum Beispiel Bibliotheken und Magazine in Museen, aber auch Stiftungen bewahren Kulturgut. Der Nachlass von Myra Warhaftig zum Beispiel wäre ein Ort gut, wo man sich sehr gut mit der Konservierung von Papier und entsprechenden klimatischen Verhältnissen auskennt.

 

Frage: Braucht man ein gutes Gedächtnis, um kleine Verbindungen innerhalb des zu bearbeitenden Bestandes wiedererkennen zu können?

 

Antwort Krüger: Ein gutes Gedächtnis ist von Vorteil. Meine Erfahrung ist, dass man sich einen Bestand nicht nur einmal anschaut. Tatsächlich schaut man sich ausgewählte Teile auch mehrmals an, und weiß eventuell erst im dritten Durchgang, welche Relevanz ein bestimmtes Objekt besitzt.

 

Frage: Welche Arbeitsbereiche können Sie uns nennen, um sich unterschiedlich zu beschäftigen?

 

Antwort Krüger: Inventarisierung ist ein Prozess. Bei Objekten, wie beispielsweise Kunstwerken, ist der Prozess natürlich eine anderer als beispielsweise bei Briefen. Inventarisierung ist zeitintensiv, weil genau gemessen, das Material bestimmt werden muss, die Vorder- und Rückseite fotografiert und entziffert wird. Schließlich wird alles verschriftlicht. Dann gibt es auch die Katalogisierung, wo alles in eine einheitliche Form gebracht wird. Es gibt auch die konservatorischen Aspekte. Diese Arbeit teilt man sich meistens mit jemandem, der oder die sich gut auskennt. Zum Beispiel habe ich bei Gemälden mit einer Künstlerin zusammengearbeitet. Sie hat mir dabei geholfen, die Leinwände abzumessen und ich konnte ihr Fragen zur Grundierung stellen. Und schließlich: Fragen beantworten. So wie man es von der eigenen wissenschaftlichen Arbeit im Alltag auch kennt, kontaktiert man ein Archiv, um etwas herauszufinden. So melden sich ForscherInnen um vorzufühlen, ob sich der Besuch vor Ort im Archiv lohnt.

 

Frage: Im Rahmen der gegenwärtigen Tendenz zur Digitalisierung könnte man annehmen, dass viel Bedarf da ist. Stimmt das, gibt es im Berufsfeld des Archivwesens viele Arbeitsstellen oder muss man rechtzeitig anfangen zu suchen?

 

Antwort Krüger: Ich glaube, dass die Ausschreibungen und Bezahlung überschaubar sind. Aber es gibt ein unglaubliches Interesse an Künstlernachlässen und deren Bearbeitung. Sollte jemand Interesse haben, das mal für sich zu erproben, dann sind der Freundeskreis Künstlernachlässe Mannheim oder die Stiftung Kunstfonds in Bonn vielleicht gute Anlaufstellen. Dort gibt es ein Archiv, das Sie sich mal anschauen könnten, um herauszufinden ob Ihnen die Arbeit liegt. Dann gibt es ganz viele Initiativen und Interessengruppen wie Auktionshäuser, die Werkverzeichnisse anfertigen lassen und Symposien darüber abhalten. Da gibt es Überschneidungen mit unserer wissenschaftlichen Arbeit. Inzwischen gibt es auch den Bundesverband Künstlernachlässe. Es ist ein großes Interesse da.


Das Gespräch führten Studierende des Seminars "Oral Contemporaries" am 15. Juni 2020

  Vita

 

  • Dr. phil. Anna Krüger (geb. 1976) studierte Kunstgeschichte und Multimedia in den Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universität Karlsruhe (TH). Ihre Masterarbeit „Das Kraft durch Freude-Seebad in Prora auf Rügen“ erhielt eine Auszeichnung vom Freundeskreis der Kunstgeschichte am KIT – Universität Karlsruhe (TH) – e.V. Für ihre Dissertation über das Thema „Alexander Camaro (1901-1992). Das Leben und Werk“ erhielt Frau Krüger 2013-2017 ein Forschungsstipendium der Alexander und Renata Camaro Stiftung. Für die herausragende Leistung dieser Arbeit erhielt sie im Jahr 2019 den Hermann-Billing-Preis, sowie den Preis des Freundeskreises der Kunstgeschichte am KIT. Seit 2018 ist sie als akademische Mitarbeiterin am Institut für Kunst- und Baugeschichte des KITs tätig und betreute bis 2020 unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Papenbrock den Nachlass von Myra Warhaftig. Seit Juli 2020 arbeitet sie im Projekt „Informationssystem Graffiti in Deutschland“ (INGRID).

 

 

 Berufsfeld: Nachlassbearbeitung

 

  • Inhaltliche Erschließung des Materials und dessen Beziehung zueinander
  • Erstellen und Füllen von Datenbanken, sowie Werkverzeichnissen und -katalogen
  • Digitalisierung und Koordination des Materials
  • Inventarisierung und Katalogisierung
  • Konservierung von verschiedenen Nachlässen