Kunstgeschichte

„Zufälle und Glück gehören zu Ihrem Berufsleben dazu. Mit Sicherheit aber auch die Leidenschaft für die Sache und eine gewisse Sturheit.“

Im Gespräch mit Isabel Steppeler

 

 

Frage: Wie kam es dazu, dass Sie eine Ausbildung als pharmazeutisch-technische Assistentin absolvierten und dann mit dem Studium der Kunstgeschichte eine ganz andere Richtung eingeschlagen haben?

 

Antwort Steppeler: Ich glaube, das muss man genau anders sehen. Dass ich diese Ausbildung gemacht habe, war eher der „Seitensprung“. Ich besuchte ein musisches Gymnasium in Freising mit den Leistungskursen Musik und Physik, was wirklich zwei konträre Welten sind. Während der Schulzeit habe ich nebenher bei uns im Dorf in einer Apotheke ausgeholfen und dadurch die Möglichkeit gehabt, die Welt der Pharmazie zu beschnuppern. Für das Studium eine Richtung einzuschlagen, dafür war ich noch zu unschlüssig. Deshalb habe ich zuerst eine Ausbildung absolviert, mit der ich bereits Geld verdienen konnte und folglich schon etwas in der Tasche hatte. Mit diesem Sicherheitsnetz habe ich mir dann erlaubt, so etwas vergleichsweise Unsicheres wie Kunstgeschichte und Musikwissenschaften zu studieren. Im Nachhinein finde ich bis heute, dass es eine sehr kluge Entscheidung für mich war. Während der Ausbildung habe ich nämlich bereits gelernt zu arbeiten, und sowohl pünktlich als auch verlässlich zu sein wie auch Dinge abzuschließen. Ich finde so etwas kann man sich nicht früh genug aneignen. Außerdem war die pharmazeutische Ausbildung eine Sicherheit für mich, sollten alle anderen Wege sich plötzlich für mich schließen.

 

„Gehen Sie beim Schreiben stets von der Leserschaft aus und überlegen Sie sich, was diese erwartet.“

 

Frage: Also beruht diese Entscheidung tatsächlich eher auf pragmatischen Überlegungen?

 

Antwort Steppeler: Ja. Dass ich wieder zurück zur Leidenschaft und zu meiner Neugierde für Kultur, Musik und Kunst gekommen bin, liegt daran, dass ich ein Jahr nach meiner Festanstellung in einer Apotheke in Karlsruhe gemerkt habe, dass ich das Kulturwesen vermisse. Ich habe erfahren, dass es eine Hochschule für Musik in Karlsruhe gibt und habe dies in Kombination mit Kunstgeschichte studiert. Neben dem Studium habe ich weiterhin in einer Apotheke gearbeitet und hatte bis dahin immer einen Bezug zu beiden Welten. Nach meiner zweiten Schwangerschaft wurde mir aber bewusst, dass es für mich nicht mehr möglich ist, parallel in beiden Bereichen zu arbeiten. So musste ich mich also für eine Richtung entscheiden.

 

Frage: War es für Sie klar, dass Sie nach dem Studium im journalistischen Bereich tätig sein wollen? Schließlich ist dieses Berufsfeld kein typisches für die Kunstgeschichte.

 

Antwort Steppeler: Ich habe wirklich an alles Mögliche gedacht, nur nicht an Journalismus. In einem Vorstellungsgespräch für ein Auslandsstipendium in Bologna wurde ich gefragt, was ich später beruflich machen wollte. Auf diese Frage war ich überhaupt nicht vorbereitet, antwortete aber ganz ehrlich: „Das weiß ich nicht, der Weg ist das Ziel.“ Ich glaube das ist auch gerade in der heutigen Zeit etwas ganz Wichtiges. Seien Sie flexibel und lassen sich dadurch leiten, welche Türen sich für Sie öffnen. Ich habe nach dem Studium versucht, in der Museumswelt Fuß zu fassen, was bekanntlich unheimlich schwer ist. Man muss bereit sein, viel ehrenamtlich zu arbeiten. So habe ich an verschiedenen Ausstellungsprojekten teilgenommen, zusammen mit einer Kollegin die Museumspädagogik für die Städtische Galerie in Karlsruhe entwickelt und Führungen gemacht. Dadurch habe ich bereits viele Erfahrungen sammeln können. Die Museumswelt hätte ich mir für mich sehr gut vorstellen können, aber es hat sich nie ergeben, dass ich ein Volontariat bekommen hätte, was ein wichtiger Schritt für die Arbeit im Museum gewesen wäre. Ich habe dann die Koordination für die Karlsruher Museumsnacht (KAMUNA) angeboten bekommen und übernommen und dabei unglaublich viel über das Kulturmanagement gelernt und Kontakte geknüpft. Über einen Redaktionsbesuch im Zuge der Pressearbeit für die KAMUNA bei den Badischen Neuesten Nachrichten hat sich der Weg zu meiner heutigen Stelle gebahnt, da die Nachfolge für den damaligen Musikredakteur gesucht wurde. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte als freie Mitarbeiterin Besprechungen zu schreiben. Weil ich immer gerne viel ausprobiert habe, habe ich das gemacht. Nach drei Monaten bot man mir an, ein Volontariat zu machen und schließlich hatte ich die Stelle. Nun darf ich über Musik und Kunst schreiben. Beides hat sich passend gefügt. Probieren Sie also Dinge, die man Ihnen anbietet, einfach mal aus!

 

„Manchmal verliere auch ich meine heilige Ruhe. Der Adrenalinkick gehört dazu – und man überlebt es.“

 

Frage: Haben Sie den Übergang von der Projektleitung der Karlsruher Museumsnacht zu einem Volontariat bei den BNN als einen Rückschritt empfunden?

 

Antwort Steppeler: Ein Rückschritt war es tatsächlich aber nur im Sinne der Hierarchie und was das selbstständige Arbeiten betrifft. Mir war klar, dass mir der Beruf bei den BNN mehr bringen kann. Ich glaube, die Arbeit an der Museumsnacht hätte sich nach einer gewissen Zeit erschöpft, es hätte auf jeden Fall etwas Neues kommen müssen. Es ist meiner Meinung nach nämlich ein Unterschied, ob man ein einziges Kulturevent betreut, dass sich jährlich wiederholt oder ob man das Kulturleben einer ganzen Region in einer Tageszeitung begleitet. Bis heute macht es mir viel Spaß, immer wieder Neues zu entdecken, neue Menschen kennenzulernen und durch neue Themen herausgefordert zu werden.

 

Frage: Haben Sie sich durch Ihr Studium für Ihr Berufsleben ausreichend vorbereitet gefühlt?

 

Antwort Steppeler: Ohne den fachlichen Hintergrund könnte ich über vieles nicht so fundiert schreiben. Es gibt bei einer Tageszeitung Ressorts, bei denen es nicht allzu wichtig ist, über ein Studium dazu Expertise erlangt zu haben. Aber in Ressorts wie etwa der Kultur oder des Sports ist es einfach wichtig, dass jemand vom Fach kommt. Das merkt die Leserschaft auch ziemlich schnell, denn schließlich möchte sie gerne das Gefühl haben, dass sich der- oder diejenige mit der Thematik auskennt. Was das journalistische Handwerk betrifft, so musste ich noch einiges lernen. Wie man ein „Interview“ oder eine „Nachricht“ aufbaut, lernt man im Studium der Musikwissenschaft und Kunstgeschichte nicht. Um dieses Handwerk zu erlernen und zu erweitern besuchte ich eine Journalistenschule, die vier Wochen dauerte und auch Teil des Volontariats war.

 

„Wir freuen uns immer auf neue freie MitarbeiterInnen. Seien Sie ermuntert, uns zu kontaktieren.“

 

Frage: Und was würden Sie sagen, wie kann man sich schon während des Studiums, abgesehen von den Seminararbeiten, auf das journalistische Schreiben vorbereiten?

 

Antwort Steppeler: Versuchen Sie sich während des Studiums gerne als freie MitarbeiterInnen. In so einen Beruf muss man hineinwachsen und dies ist eine gute Möglichkeit, fragen Sie also gerne an. Die Probetexte werden von den RedakteurInnen gelesen und man erhält eine individuelle Rückmeldung. Eine weitere Möglichkeit ist es, dass Sie sich im Kino einen Film anschauen oder eine Veranstaltung besuchen und versuchen, diese schriftlich in circa 3.000 Zeichen festzuhalten. Darin sollte sich Ihre Meinung wiederfinden, aber auch die interessanten Aspekte erhausgebildet werden, die Sie für erwähnenswert halten. Nehmen Sie sich dafür eine Zeit – von beispielsweise vier Stunden – fest vor und schauen Sie, ob Sie es in dieser Zeit schaffen. Wenn Sie daran Spaß haben, ist die halbe Miete bereits bezahlt. Außerdem gibt es an der Musikhochschule in Karlsruhe das Institut für Musikjournalismus. Fragen Sie an, ob Sie dort eventuell Veranstaltungen besuchen dürfen, denn dort erlernt man das nötige Handwerk.

 

Frage: Sind Sie in der Kulturredaktion nur für Ihren Schwerpunkt Musik verantwortlich oder vertreten Sie auch andere Bereiche?

 

Antwort Steppeler: Grundsätzlich nur für die Musik, genauer gesagt hauptsächlich für die Klassische Musik, denn dafür bin ich ans Haus geholt worden. Unseren Ressortleiter vertrete ich auch im Themenbereich der Bildenden Kunst. Aber es ist wichtig und auch gewünscht, dass ich bei Bedarf auch über politische oder gesellschaftliche Themen schreiben kann.

 

Frage: Wie bereiten Sie sich dann vor? Haben Sie Zeit, um einer Vorrecherche nachzugehen oder muss der Artikel am Ende des Tages stehen?

 

Antwort Steppeler: Letzteres. Das ist tatsächlich ein bisschen bedauerlich, lässt sich aber auch nicht ändern. Ich vermisse es, einfach mal auch in die Tiefe zu gehen und mich gut vorbereiten zu können. Der Redaktionsalltag ist aber wirklich stramm. Während des Schreibens kann man den Fokus nicht immer auf den Artikel legen, sondern wird nebenher ständig angerufen und kümmert sich zusätzlich um MitarbeiterInnen oder VeranstalterInnen. Es gibt günstige Tage oder Wochen, da hat man im Optimalfall ein paar Stunden Zeit, sich vorher einzulesen, aber meistens springt man ins kalte Wasser. Daher ist es von Vorteil, wenn man Vorkenntnisse hat. Auf der anderen Seite haben wir als regionale Tageszeitung (im Vergleich etwa zu den LeserInnen des FAZ Feuilleton) zwar sehr viele kulturbegeisterte und gebildete LeserInnen aber auch solche, die sich eher für andere Themen interessieren. Man muss Freude und Interesse daran haben, beide Leserseiten – Insider und Unkundige – zu bedienen und einen Spagat zwischen Anspruch und Niederschwelligem zu schaffen.

 

Frage: Wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen? Gehen Sie morgens ins Büro und sind dann nach acht Arbeitsstunden fertig?

 

Antwort Steppeler: Das Gute ist, die Zeitung wird abends gedruckt, ob man fertig ist oder nicht, aber letzteres ist mir noch nie passiert. Vieles ergibt sich erst im Laufe des Tages, weshalb es wenig Sinn macht, bereits um sieben Uhr morgens im Büro zu sein. Es ist eine sehr dynamische Situation. Das Schreiben erledigt man im Büro. Als RedakteurIn ist man am Abend fertig, es sei denn, man ist – wie ich – MusikredakteurIn. Dann gibt es Konzerte, die man besuchen muss und die erst nach Feierabend stattfinden. Das greift also auch in das Privatleben über. Prinzipiell könnte man jeden Abend drei Veranstaltungen besuchen, da das Kulturleben in Karlsruhe sehr lebendig ist. Aber man muss auch auf eine Balance zwischen Beruf und Privatleben wahren. Das Schöne ist, dass man meistens zwei Presse-Karten erhält und eine Begleitperson mitnehmen darf.

 

Frage: Gibt es auch den Modus, dass Sie sich die Arbeit untereinander aufteilen? Dass beispielsweise der eine recherchiert, die andere schreibt?

 

Antwort Steppeler: Nicht wirklich. Es ist sehr selten, dass man gemeinsam an einem Thema arbeitet, das wäre großer Luxus. In der Regel arbeitet jedeR für sich und ist jeweils für seine eigenen Artikel verantwortlich. Es kann vorkommen, dass man an einem Tag nur mit einem Artikel und einem Thema beschäftigt ist und die KollegInnen einem insofern Arbeit abnehmen, als sie die organisatorische Arbeit ringsum übernehmen, indem sie beispielsweise in Stellvertretung in die tägliche Redaktionskonferenz gehen oder auch einfach nur das Telefon umleiten.

 

Frage: Was halten Sie vom kritischen Journalismus? Schließlich sollte man sich als JournalistIn auch etwas trauen, oder?

 

Antwort Steppeler:  Das stimmt. Ich persönlich habe mich am Anfang schwergetan, Kritik zu üben. Ich neigte dazu, eher zu beschreiben, statt zu werten. Um konstruktive Kritik üben zu können, ist es wichtig, sich Erfahrungen anzueignen und eine bestimmte Haltung einzunehmen, um überhaupt kritikfähig zu sein. Das hat bei mir in den ersten Jahren sehr lange gedauert. Unser Ressortleiter hat mich das erst gelehrt, dass in meinen Artikeln deutlich werden muss, wie ich denn selbst zu dem Thema stehe. Man muss Mut haben, auch mal einen Verriss zu schreiben. Dies dauert um einiges länger als sonstige Beiträge, dies ist viel schwerer, weil man dann auch angreifbarer ist. Ob Sie eine Ausstellung oder tatsächlich eine Künstlerpersönlichkeit kritisieren ist ein gewaltiger Unterschied. Man muss da klar, aber auch behutsam vorgehen. Mir ist wichtig, niemanden mit der Kritik zu verletzen. Es muss mehr um konstruktive Kritik gehen, um den Vergleich, nicht ums Abkanzeln.

 

Frage: Welche persönlichen und fachlichen Eigenschaften sind für Ihren Beruf gefordert?

 

Antwort Steppeler: Wer als JournalistIn nicht neugierig ist, kann den Job an den Nagel hängen. Sie müssen sich für alles interessieren, was Ihnen vor die Füße fällt und für die Allgemeinheit von Interesse ist. Sie müssen sich darauf einstellen, dass Sie als KunsthistorikerIn nicht immer nur für den Kulturbereich zuständig sind, demnach ist Flexibilität gefragt. Als JournalistIn spiegeln und dokumentieren Sie die Welt, so wie sie sich Ihnen bietet. Haben Sie Mut zur Lücke! Oftmals hat man den Ehrgeiz, alles in einem Artikel ansprechen zu wollen. Es ist aber wichtig, dass Sie entscheiden, was wichtig und was unwichtig ist. Dabei müssen Sie schnell sein und gute Nerven haben. Zudem sollte man sich auf Sie verlassen können, dass Sie Aufgaben fristgerecht erledigen. Sie müssen bereit sein, sich dem Stil der Zeitung, für die Sie arbeiten, anzupassen. Ihre eigene Meinung können Sie zwar äußern, sollten jedoch den Werten der Zeitung treu bleiben.

 

Frage: Wir sind vornehmlich Kunsthistorikerinnen. Wie sehen Sie die Aussichten für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und wie war das bei Ihnen selbst?

 

Antwort Steppeler: Ich würde sagen, Familie und Beruf sind miteinander vereinbar. Kinder sehe ich persönlich nicht als Hindernis an. Meine erste Schwangerschaft habe ich während meines Auslandaufenthaltes in Bologna durchlebt und das hat gut geklappt. Ich würde sagen, ein Kind während des Studiums zu bekommen, ist eigentlich ein optimaler Zeitpunkt, denn da hat man noch sehr viel Zeit als im Berufsleben. Man muss natürlich auch bereit sein, das Kind in Betreuung zu geben. Ich würde der Aussage zustimmen, es geht in der Eltern-Kind-Beziehung nicht um Quantität, sondern um Qualität. Mein Wunsch war es immer eine Familie zu gründen, aber auch meine Karriere nicht zu vernachlässigen. Meiner Meinung nach hat das sehr gut funktioniert.

 

Frage: Ist es in Ihrem Berufsfeld wichtig, einen bestimmten und auch höheren Abschluss mitzubringen?

 

Antwort Steppeler: Ein abgeschlossenes Studium ist erwünscht. Für die Karriere innerhalb einer Zeitung, für die man arbeitet, ist es nicht entscheidend, ob man beispielsweise promoviert hat. 


Das Gespräch führten Studierende des Seminars "Oral Contemporaries" am 1. Juni 2020

Vita

 

  • Isabel Steppeler absolvierte nach ihrem Abitur zunächst an der Privaten Lehranstalt PTA in München eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin und arbeitete in einer Apotheke. Parallel dazu begann sie 1998 das Studium der Musikwissenschaften an der Hochschule für Musik Karlsruhe und Kunstgeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Am KIT schloss sie das Studium mit ihrer Magisterarbeit „Gerd Arntz im Exil. Widerstand durch Aufklärung“ ab. Von 2007 bis 2009 übernahm Frau Steppeler die Projektleitung für die Karlsruher Museumsnacht (KAMUNA) und absolvierte im Anschluss daran ein Volontariat zur Redakteurin bei den Badischen Neusten Nachrichten (BNN) ab. Seit März 2011 ist sie dort als Musikredakteurin tätig.

 

 Berufsfeld: RedakteurIn im Kulturjournalismus

 

  • Arbeit in einem zugeteilten journalistischen Fachressort
  • Priorisierung von Themen angesichts der vielen Veranstaltungshinweise, die auf den Schreibtisch flattern
  • Konzentration auf den eigenen Leserkreis (je nach Zeitung unterschiedlich)
  • Termingerechtes Verfassen von Artikeln in der gebotenen Zeichenanzahl
  • oder Archive)
  • Recherche und Nutzung von Quellen (z.B. Pressekonferenzen, InformantInnen, Datenbanken
  • Besuch von Veranstaltungen (Ausstellungseröffnungen, Performances, Premieren) über die man berichtet
  • Zusammenarbeit mit FotografInnen für die Bebilderung der Artikel